IDEEN-AUS. BILDUNG.

Rezension: Detlef Steppuhn: Künstliche Intelligenz in der Schule

Detlef Steppuhn: Künstliche Intelligenz in der Schule – Chancen nutzen, Risiken verstehen. Wie künstliche Intelligenz Lernen und Unterricht verändert.
Selbstverlag Kindle Direct Publishing, Köln 2026, 1. Auflage, 314 Seiten, ISBN: 978-3-00-086399-8.

Dreiviertel aller Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren nutzen inzwischen ChatGPT für Hausaufgaben (JIM-Studie 2025). Künstliche Intelligenz ist damit längst Teil schulischer Realität geworden – unabhängig davon, ob Schulen darauf vorbereitet sind oder nicht. Genau an diesem Punkt setzt Detlef Steppuhn mit seinem Buch Künstliche Intelligenz in der Schule – Chancen nutzen, Risiken verstehen an. Sein Werk versteht sich ausdrücklich „nicht als abschließende Wahrheit, sondern als Beitrag zum Diskurs“ und richtet sich vor allem an Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen.

Steppuhn bringt für diese Debatte umfangreiche Praxiserfahrung mit. Bis 2024 war er am Erich-Gutenberg-Berufskolleg in Köln tätig und prägte dort die Digitalisierung der Schule maßgeblich mit – unter anderem als Leiter für neue Medien und Technologien. Fortbildungsformate wie My eWorld oder frühere Veröffentlichungen zur SmartSchool zeigen, dass der Autor nicht aus theoretischer Distanz schreibt, sondern aus konkreter schulischer Erfahrung heraus argumentiert.

Das Buch umfasst 13 Kapitel und verbindet technische Grundlagen, pädagogische Konzepte, neurodidaktische Ansätze sowie schulpraktische Beispiele. Bereits zu Beginn erläutert Steppuhn verständlich die Funktionsweise großer Sprachmodelle. Sein zentraler Gedanke lautet: Nur wer versteht, dass KI-Systeme auf Wahrscheinlichkeiten und Trainingsdaten beruhen, kann ihre Ergebnisse sinnvoll einordnen. „Wer KI unterrichtet (…) sollte wissen, dass hinter scheinbar intelligentem Verhalten mathematische Modelle stehen …“ (S. 20). Diese grundlegende Erklärung gelingt erfreulich niedrigschwellig, ohne in technische Überfrachtung abzurutschen.

Besonders überzeugend ist dabei die konsequente pädagogische Perspektive. Steppuhn warnt davor, KI als „magische Wissensquelle“ (S. 34) wahrzunehmen. Stattdessen müsse Prompting zu einer neuen Kulturtechnik werden, die gezielt vermittelt werden müsse. An aktuellen Beispielen wie dem Study Mode von ChatGPT oder Guided Learning in Gemini zeigt der Autor, wie dialogisches Lernen, individualisierte Lernpfade und schrittweise Erklärungen den Unterricht verändern könnten. Lehrpersonal und Schülerinnen und Schülern steht Telli zur Verfügung. (heißt Seit Mai 2026: AIS.chat) Ein Chatbot für den Einsatz in der Schule, an deren Entwicklung als Open-Soruce-Projekt alle Bundesländer beteiligt sind. (S. 43ff.)

Die Gefahr von Deskilling oder Skillskipping – also dem Verlust grundlegender Fähigkeiten – blendet er dabei keineswegs aus. Dennoch überwiegt für ihn das Potenzial: „Diese Chance sollte man dieses Mal nicht verpassen …“ (S. 59).

Immer wieder betont Steppuhn, dass sich die Rolle von Lehrkräften verändert. Lehrende werden stärker zu Lernbegleitern. Dabei bleibt Bildung für ihn ausdrücklich werteorientiert: „Bildung ist nicht nur funktional, sondern stets auch wertebasiert.“ (S. 64). Besonders stark ist das Buch dort, wo es Digitalisierung nicht allein technisch versteht, sondern pädagogisch und gesellschaftlich einordnet. Die Förderung digitaler Mündigkeit zieht sich als Leitmotiv durch nahezu alle Kapitel.

Auch die Diskussion um Zukunftskompetenzen wird praxisnah geführt. Die „effektive Nutzung von KI Anwendungen“ beschreibt Steppuhn als zentrale Kompetenz kommender Jahre. Vor allem berufliche Schulen stünden unter Druck, wenn Betriebe verstärkt KI-Agenten einsetzen. Interessant ist dabei seine Erweiterung reformpädagogischer Ansätze: In Anlehnung an Malaguzzi beschreibt er KI als „vierten Pädagogen“ (S. 83), der neben Mitschülern, Lehrkräften und Lernumgebung den Lernprozess beeinflusst. Dadurch gewinnen die bekannten 4K – Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken – nochmals an Bedeutung (S. 103).

Großen Raum nimmt die Neurodidaktik ein. Hier verbindet der Autor Erkenntnisse zu Sprache, Emotionen, Lernverläufen und Storytelling mit konkreten Unterrichtsideen. Seine Forderung, „Unterricht als Gesamtkunstwerk“ zu verstehen (S. 131), wirkt ambitioniert, bleibt aber durch zahlreiche Beispiele nachvollziehbar. Besonders die beschriebenen Lernsituationen aus dem Ausbildungsberuf Kaufleute im E-Commerce zeigen anschaulich, wie KI sinnvoll integriert werden kann.

Auch räumliche Lernumgebungen spielen eine Rolle. Konzepte wie der SmartRoom  verbinden flexible Möbel, Raumklima, Licht und digitale Infrastruktur mit modernen Lernarrangements. Hier zeigt sich die große Stärke des Buchs: Es bleibt nie bei abstrakten Visionen stehen, sondern liefert konkrete Umsetzungsideen. (S. 172)

Besonders relevant sind die Kapitel zu Prüfungen und Leistungsbewertung. Steppuhn argumentiert überzeugend, dass traditionelle Prüfungsformen angesichts von KI an ihre Grenzen stoßen. „Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Prüfungen neu zu denken“ (S. 178). Statt reiner Wissensreproduktion müssten künftig Prozesse, Transferleistungen und Methodenkompetenzen bewertet werden. Zentral werde die Frage: „Was kann jemand tatsächlich – und unter welchen Bedingungen?“ (S. 182). Gerade für Lehrkräfte dürften diese Überlegungen zu den wertvollsten Teilen des Buchs gehören. Beispielaufgaben und Bewertungsraster erhöhen den Praxiswert zusätzlich erheblich.

Positiv hervorzuheben ist außerdem die Auseinandersetzung mit Datenschutz, Urheberrecht und dem EU-AI-Act. Steppuhn verweist darauf, dass auch Schulen beim Einsatz von KI-Systemen rechtliche Grenzen beachten müssen. Gleichzeitig vermeidet er alarmistische Töne. „Aus pädagogischer Perspektive eröffnet Hochrisiko-KI durchaus Chancen.“ (S. 215). Entscheidend bleibe jedoch das Vertrauensverhältnis zwischen Lernenden und Institutionen.

Spannend geraten zudem die Passagen zur Robotik in der Schule. Beispiele wie My Keepon, Cozmo, Nao oder Pepper zeigen anschaulich, wie Robotik motivierend im Unterricht eingesetzt werden kann. Der Praxisbezug ist hier besonders hoch; zahlreiche App- und Tool-Empfehlungen machen das Kapitel unmittelbar nutzbar.

Im späteren Verlauf widmet sich Steppuhn verstärkt ethischen Fragen. Halluzinationen, Fehlinformationen und Bias beschreibt er als gegenwärtige Grundprobleme aller KI-Modelle. „KI Modelle optimieren Kennzahlen (…) nicht Fairness, Gerechtigkeit oder pädagogische Verantwortung.“ (S. 263). Deshalb müssten Schülerinnen und Schüler lernen, Quellen kritisch zu prüfen und Informationen einzuordnen. „Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, dass KI weder Wahrheit noch Werte garantieren kann.“ (S. 265). Gerade diese Verbindung von Medienbildung, politischer Bildung und KI-Kompetenz gehört zu den stärksten Argumentationslinien des Buchs.

Die große Stärke des Werkes liegt insgesamt in seiner Praxisnähe. Steppuhn verbindet populärwissenschaftliche Quellen mit pädagogischen Konzepten und schulischer Erfahrung. Besonders Lehrkräfte erhalten zahlreiche konkrete Ideen, Unterrichtsszenarien und Anregungen. Der hohe Transfergehalt ist unübersehbar. Auch die wiederholten Bezüge auf die NRW-Handlungsempfehlungen (2023) sowie die KMK-Empfehlungen (2024) erhöhen die Relevanz für den schulischen Alltag. (Lehren und Lernen in der digitalen Welt)

Gleichzeitig bleibt das Buch bewusst offen und diskursorientiert. Wissenschaftlich tiefgehende empirische Analysen stehen weniger im Mittelpunkt. Manche Thesen wirken eher programmatisch als systematisch belegt. Gerade bei langfristigen Auswirkungen von KI auf Kompetenzen oder Bildungsgerechtigkeit hätte eine stärkere wissenschaftliche Fundierung stellenweise gut getan. Auch Wiederholungen einzelner Argumentationslinien lassen sich nicht ganz vermeiden.

Dennoch gelingt Steppuhn ein bemerkenswert zugängliches und zugleich reflektiertes Buch über KI und Schule. Es richtet sich weniger an KI-Forscher, vielmehr an Menschen, die konkret mit Schülerinnen und Schülern arbeiten und Orientierung suchen. Gerade weil der Autor Chancen und Risiken gleichermaßen ernst nimmt, wirkt seine Argumentation glaubwürdig. Inspirierend sind viele kurze Ausführungen zu Hintergründen – z.B. zu FOMO im Kapitel digitaler Druck oder Telepathie im Kontext von Sprache.

Künstliche Intelligenz in der Schule – Chancen nutzen, Risiken verstehen ist damit vor allem für Lehrkräfte, Schulleitungen, Fortbildner und Studierende der Lehrämter empfehlenswert. Das Buch bietet keine endgültigen Antworten – aber viele kluge Fragen, praktische handlungsanleitende Impulse und eine überzeugende Einladung, Schule aktiv mitzugestalten, statt digitale Entwicklungen lediglich zu verwalten. Hier steckt echte Lehrerfahrung drin und ein hoher Tranfergehalt für die Lesenden ist sicher.

 

Autor: Tilman Liebert, 23.08.2026
Der Text wurde grammtikalisch und orthografisch mit KI geprüft.

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